Impulse für den Pharmastandort Österreich

PHARMIG - Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs

Österreich braucht neue Visionen, um seine (noch) sichere Position in Europa nicht zu verspielen und seine Potenziale für die Zukunft ausschöpfen zu können. Die pharmazeutische Industrie kann und möchte mit ihrer wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Innovationskraft einen wesentlichen Beitrag für eine sichere, stabile und mutige Zukunft unseres Landes leisten. Damit Patienten heute wie morgen von immer besseren Behandlungsmöglichkeiten und schnellem Zugang zu innovativen Arzneimitteln profitieren.

Damit das möglich ist, müssen dringende Weichenstellungen vorgenommen werden: Mit unseren Forderungen zum Schutz und Ausbau des Pharmastandorts Österreich machen wir auf die Herausforderungen der pharmazeutischen Industrie aufmerksam und bieten der Politik zugleich Lösungsvorschläge. Damit der Standort gestärkt, die hohe Qualität des Gesundheitswesens gewährleistet und die Zukunft der Patientenversorgung gesichert wird.

10 Forderungen einer modernen Pharmaindustrie

1Für eine Anhebung der staatlichen Forschungsprämie von 12% auf 15% als attraktiven Anreiz für forschende Pharmaunternehmen.

Österreich braucht ein deutliches Signal, um als Forschungsstandort international wettbewerbsfähig zu bleiben. Eine Erhöhung der Forschungsförderung sowie klare, für alle Unternehmen und Institutionen gleichermaßen verbindliche Förderrichtlinien sind dafür die wichtigste Grundlage. Mit der von der Bundesregierung angekündigten Anhebung der Forschungsprämie auf 14% wurde ein wichtiger erster Schritt gesetzt, der jedoch nach einer raschen Umsetzung verlangt.

2Für eine Stärkung spezialisierter Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen.

Ohne die Möglichkeit einer fundierten Ausbildung in MINT- (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) und Life-Sciences-Fächern kann die medizinische Forschung ihr hohes Niveau langfristig nicht halten. Labor- und chemietechnische Ausbildungen, Lehren in Pharma- und Biotech-Unternehmen sowie die universitäre Ausbildung müssen finanziell gestärkt und attraktiver gemacht werden. Damit sichert Österreich auch berufliche Zukunftschancen für seine nachkommenden Generationen.

3Für verbesserte Rahmenbedingungen der klinischen Forschung in Österreich.

In Österreich bleibt die Zahl an klinischen Medikamentenstudien seit Jahren gleich, oder sinkt sogar leicht. Ohne klinische Prüfungen gibt es keine Innovation und somit auch keine Verbesserung der medizinischen Versorgung zukünftiger Patientinnen und Patienten. Je mehr Studien durchgeführt werden, desto mehr Patientinnen und Patienten profitieren von einem frühen Zugang zu innovativen, in vielen Fällen lebensrettenden Arzneimitteln – oft bevor diese am Markt erhältlich sind. Da die Kosten hierfür von der pharmazeutischen Industrie getragen werden, führt dies zudem zu einer finanziellen Entlastung des heimischen Gesundheitssystems. Wir brauchen daher konkrete Maßnahmen der Politik und der Forschungseinrichtungen für mehr klinische Forschung in Österreich, um medizinischen sowie gesellschaftlichen Fortschritt zu gewährleisten.

4Für Wien als neuen Sitz der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA).

Die EMA hat ihren derzeitigen Sitz in London. Mit der Entscheidung Großbritanniens, aus der EU auszutreten, stellt sich die Frage nach einem neuen Standort. Wien bietet nicht nur eine äußerst hohe Lebensqualität und eine ausgezeichnete Infrastruktur für internationale Behörden. Die EMA würde in der österreichischen Hauptstadt auch von den renommierten medizinischen und technologischen Forschungseinrichtungen und seiner boomenden Life-Science-Industrie profitieren.

5Für die Einführung eines 10-jährigen Steuerfreibetrags für Investitionen zum Standortausbau.

Der Bau neuer Produktionsstandorte ist teuer. Die Pharmabranche leistet damit Investitionen, die Österreich über Jahrzehnte hinweg wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Nutzen bringen. Eine hohe Steuerbelastung beeinflusst jedoch die Standortentscheidungen internationaler Pharmaunternehmen und kann im schlimmsten Fall zur Abwanderung bereits bestehender Betriebe führen. Nur Steuererleichterungen können dies verhindern und Österreich als Produktionsstandort langfristig attraktiver machen.

6Für den Ausbau eines industriefreundlicheren Umfelds in Österreich.

Österreich hat eine ausgezeichnete Lebensqualität, ein hohes Bildungsniveau und exzellent ausgebaute medizinische Infrastrukturen. Dem gegenüber stehen überdurchschnittlich hohe Lohnnebenkosten, arbeitsrechtliche Einschränkungen und eine mangelnde Förderung von Innovation. Nur eine deutliche Senkung der Lohnnebenkosten auf europäischen Durchschnitt, ein flexibleres Arbeitszeitrecht sowie mehr politischer und gesellschaftlicher Mut für Neues machen eine Ansiedlung von Pharmaunternehmen rentabel und können so dem Verlust der Potenziale unseres Landes entgegenwirken.

7Für eine Verbesserung der Finanzierungsströme im österreichischen Gesundheitswesen.

Die föderale politische Struktur in Österreich führt zu einer Zersplitterung der Finanzierungsströme im Gesundheitswesen. Die derzeitige Kompetenzaufteilung zwischen Bund, Ländern, den verschiedenen Sozialversicherungen und Krankenkassen sowie den Kliniken ist einem effizienten System nicht zuträglich. Eine leistungsstarke pharmazeutische Industrie braucht einfache Finanzierungsströme am Arzneimittelmarkt und eine Straffung der Entscheidungshierarchien auf Systemebene.

8Für die Einführung einer Patientennutzenbewertung und einen verbesserten Marktzugang für innovative Arzneimittel.

Arzneimittelinnovationen müssen bei ihrer Markteinführung von einer umfassenden Patientennutzenbewertung begleitet werden, um sowohl die Verbesserung der medizinischen Versorgung in Österreich, als auch deren positive ökonomische Auswirkungen transparent und sichtbar zu machen. Beispielsweise können dank moderner Therapien Betroffene oftmals in viel kürzerer Zeit gesunden und damit auch schneller ins Arbeitsleben zurückkehren. Damit Patientinnen und Patienten jedoch so rasch wie möglich von Arzneimittelinnovationen profitieren können, müssen sie auch schnell und uneingeschränkt zugelassen werden. Hier besteht Optimierungsbedarf, denn Österreich hinkt oft bei neuen Medikamenten hinterher. Positives Beispiel ist hier der Bereich Krebsbehandlung: Österreich zählt europaweit zu jenen Ländern, in denen Krebspatienten sehr rasch mit neuen medikamentösen Therapien versorgt werden können.

9Für faire Preise für Arzneimittel.

Medikamente, die von den österreichischen Krankenkassen erstattet werden, sind bei der Preiskalkulation an den EU-weiten Durchschnittspreis von produktgleichen Arzneimitteln in anderen EU-Staaten gebunden. Für den Preis zählt daher nicht der tatsächliche Investitions- und Produktionsaufwand (Investitionen in den Standort, Arbeitsplätze etc.). Das schadet langfristig der pharmazeutischen Industrie in Österreich. Nur eine Preisgestaltung, wie sie zuletzt für Biosimilars (Kopien von Arzneimitteln biologischen Ursprungs) im Zuge des Ende März 2017 geänderten Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes beschlossen wurde, die die positiven ökonomischen Impulse der heimischen Arzneimittelproduktion berücksichtigt, garantiert eine faire Erstattung und eine nachhaltige Innovationskraft in der medizinischen Forschung.

10Für die Aufrechterhaltung des ausgewogenen Patentschutzes für innovative Arzneimittel in Europa.

Die Entwicklung eines Arzneimittels dauert durchschnittlich zwölf Jahre und kostet bei innovativen Arzneimitteln ca. 2,6 Mrd. USD. Die Stärkung der Rechtssicherheit im Patentsystem ist eine wesentliche Voraussetzung für Innovation und ermöglicht bzw. belohnt langjährige Forschungstätigkeit. Die Schutzwirkung des Patents ist der beste Anreiz für Forschung und Entwicklung und damit für Innovationen. Sie ist für pharmazeutische Unternehmen eine Absicherung, dass sie ihre enormen Investitionen am Markt auch wieder verdienen können, um ihre eigenen Produkte weiter zu verbessern oder an gänzlich neuen Therapien zu forschen.


Derzeit steht die Aufweichung des geltenden Patentschutzes zur Diskussion. Ein Eingriff in den Patentschutz für Arzneimittel würde die führende Rolle Europas im Bereich Forschung & Entwicklung gefährden. Die geltenden Regelungen sind ausgewogen, wohl überlegt und zeigen die erhoffte Wirkung – nämlich mehr innovative Arzneimittel für Patienten, mehr Forschung & Entwicklung in Europa, mehr Investitionen in Kinderarzneimittel und in Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen.